Nun, zumindest an der Sache mit der Sportlichkeit arbeiten die Bayern seit einigen Jahren wieder konsequent. Vorreiter war die R1100S, eine Sportmaschine mit dem Boxermotor der letzten Generation, die allerdings trotz eigenen Renncups unter Sportfahrern nie richtig akzeptiert und demzufolge ein eher seltener Anblick auf unseren Straßen war. 98 PS bei gut 240 Kilo vollgetankt war ein Paket, das CBGSZXR1-Treibern nur ein müdes Lächeln entlockte. Doch in München ließ man nicht locker: In den letzten zwei Jahren brachte man mit K1200S und K1200R einen Tourensportler und einen Roadster, die es - auch in Punkto Kraft und Speed - mit den besten ihres Genres aufnehmen können. Und jetzt also die neue R1200S, für die zwar von der Papierform her die japanischen 1000-Vierzylinder noch immer in weiter Ferne sind, die aber - im Vergleich zur Vorgängerin um gute 20 Kilo abgespeckt und über 20 PS erstarkt - dafür genau in die sportliche Zweizylinder-Riege zielt, in der bisher Ducati oder Aprilia die Hausherren waren. 122PS und 112 Nm bei 220kg vollgetankt sind jedenfalls eine durchaus ernsthafte Ansage.
Black Beauty
Optisch kann das Bike auf jeden Fall als gelungen bezeichnet werden. Interessierte Blicke erntet man bei jeder Ampel. (Manchmal auch zu unrecht: Etwa wenn ein CB750-Fahrer nach einem anerkennenden Blick auf die angeschliffenen Zylinderköpfe und die sichtbar bis zur letzten Rille angefahrenen Reifen fragt, wie die BMW denn so auf dem Ring gehe. Und man zerknirscht antworten muss, dass man das Bike erst am Vortag als Pressefahrzeug ausgefasst habe und die Gebrauchsspuren auf das Konto der forschen Kollegenschaft gingen, die die Boxer davor bewegen durften.)
Die Silhouette ist trotz der beiden abstehenden Boxer-Ohren extrem schlank gelungen, wozu auch der zur Zeit sehr trendige Underseat-Auspuff beiträgt. Die wunderschöne Einarm-Schwinge und das LED-Rücklicht tun ein Übriges. Charakteristisch für die Münchner ist auch, dass Sportmaschine und Kardan kein Widerspruch sind.
Die Armaturen bestehen aus analogem Tacho und Drehzahlmesser und einem LCD-Display, das den eingelegten Gang anzeigt (nettes Feature im Alltag, leider nur von BMW flächendeckend verbaut) dazu Uhrzeit, Kilometer und Öltemperatur sowie - leider erst bei Aufleuchten der Reserveleuchte - die Restreichweite. Tankanzeige? Fehlanzeige! Warum gilt es bloß bei manchen Herstellern heute noch immer als “sportlich” den Fahrer über die vorhandene Spritmenge im Unklaren zu lassen? Ist es sportlich aus Sicherheitsgründen alle 200 km eine Tankstelle anzulaufen?
BMW-typische auch die Blinkergeber-Lösung mit je einem Knopf links und rechts und dem Rückstellknopf rechts. Die theoretische Bedienung ist zwar Gewöhnungssache, in der Praxis muss man aber beim Rückstellen des Blinkers bisweilen den Gasgriff kurz auslassen, was dazu führt, dass man sich manche Blinkerbetätigung einfach spart - kaum Zweck der Sache. Ein Konzept wird nicht unbedingt umso stimmiger, je länger man an ihm festhält.
Sitzt, passt und sorgt für viel Luft
Also erstmal Platz nehmen. Die Sitzposition ist sportlich vorderradorientiert mit merkbarem Druck auf die Handgelenke, trotzdem aber für Sportlerverhältnisse eher moderat und insgesamt durchaus langstreckentauglich. Kein Vergleich zu einer Ducati 999. Gegen allzu lange Strecken legt höchstens das Hinterteil Protest ein: Die Sitzbank fällt unter die Kategorie “hart aber gerecht”. Und auch die Verkleidung ist sportlich knapp geschnitten. Ist der Oberkörper noch einigermaßen geschützt, so liegt der Kopf voll im Fahrtwind und schon bei moderaten 140 km/h kriegt man nach kurzer Zeit einen Nacken wie Mike Tyson. Die komfortorientierte BMW-Klientel wird überrascht sein.
Der Druck auf den Starterknopf bringt dann wieder Vertrautes zu Tage: Der Sound ist boxerlike, ebenso das Schütteln und Vibrieren. Man ahnt, welchen Motor Felix Wankel gefahren sein muss, bevor ihm die Idee mit dem Kreiskolben gekommen ist.
Boxer-Punch
1. Gang und los geht’s: Die Kupplung ist hydraulisch betätigt und trennt bei moderaten Handkräften in allen Lebenslagen präzise. Auch die Gangwechsel selbst gehen geschmeidig vonstatten. Das Anfahrdrehmoment ist - no na bei dem Motorkonzept - hoch, im 1. Gang gibt die Bayerin schon mal Pfötchen. Bei 3.000/Umin geht der Spaß los, ist richtig Druck da und wer will, kann die Boxer bis 8.000 Touren drehen, was sie auch klaglos mitmacht. Nötig ist es allerdings kaum. Wer sich im Bereich zwischen 3000 und 6000 aufhält, wird in jeder Lebenslage bestens bedient. Höchst gewöhnungsbedürftig allerdings beim Runterschalten das hohe Bremsmoment des Boxers, das Kurveneingangs so manche saubere Linie zerstört.
Das Fahrwerk - die Maschine war mit aufpreispflichtigen Öhlins-Federn versehen - ist sportlich hart und sorgt dafür, dass Kurvenradien aller Art in jedem Tempo mit stoischer Ruhe genommen werden - zumindest solange der Asphalt eben ist. Landstraßen dritter Ordnung fordern vom Piloten Nehmerqualitäten. Auch Kurskorrekturen werden jederzeit verkraftet. Die Schräglagenfreiheit ist beeindruckend, schleifende Zylinderköpfe auf öffentlichen Straßen nicht realisierbar.
Trotz des (gegen Aufpreis) montierten 190er-Hinterreifens lenkt die BMW jederzeit willig ein, selbst wenn man noch auf der Bremse steht. Ein merkbares Aufstellmoment ist schlicht nicht vorhanden. Die Telelever-Führung des Vorderrades hat zweifelsohne ihre Meriten. Zudem geht die Maschine dadurch auch beim Bremsen selber vorne nicht in die Knie, bleibt schön stabil. Die Bremsen selbst ankern auch ohne Radial-Anlenkung gnadenlos. Wer das aufpreispflichtige ABS abschaltet schafft Stoppies notfalls auch mit zwei Fingern.
Kein Schluckspecht
Zurückhaltung legt die 1200S dann an der Tankstelle zutage: mehr als 5,5 - 6 Liter sind selbst bei brachialer Fahrweise nicht möglich, leider vom teuren Super plus. Mit leichten Leistungseinbußen wird allerdings auch normales Super verkraftet. Bei 17 Liter Tankinhalt sind somit Reichweiten von knapp 300km möglich.
Bei aller Sportlichkeit kommt aber - wir sind in Bayern - auch der Komfort nicht zu kurz: Kaum eine andere Sportmaschine verwöhnt ihre Piloten mit (optionalen) Heizgriffen, bei denen Stufe 1 bereits für winterliche Nordkap-Reisen ausreichend ist. Stufe 2 ersetzt dann vermutlich das abendliche Lagerfeuer.
Im Gesamtpaket besehen ist die Sportboxer ein absolut feines Gerät. Es gibt sicherlich schnellere Sportmotorräder und ähnliche Fahrleistungen findet man auch in bequemerer Verpackung. Und doch gibt dir die R1200S viel, bindet dich in die Straße mit ein und fördert das aktive Fahren. Sie macht irgendwie einen besseren Fahrer aus dir. Ein feines Gerät für den ambitionierten Ritt über die Landstraße, das sich auch auf der Rundstrecke nicht verstecken muss. Insoferne ist auch der Grundpreis von 15.300 Euro nicht zu viel verlangt.
Text: Clemens Kriegelstein
Fotos: Clemens Kriegelstein, Wolfgang Decker
| Motor | 2-Zylinder-4-Takt Boxer-Motor | Endantrieb | Kardan | |
| Bohrung x Hub | 101 x 73 | Abmessungen (LxB, in mm) | 2.151 x 870 | |
| Hubraum | 1170 ccm | Radstand (in mm) | 1.487 | |
| Verdichtung | 12,5 : 1 | Sitzhöhe (in mm) | 830 | |
| Max. Leistung | 90 kW (122 PS) bei 8.250 min-1 | Tankinhalt | 17 Liter | |
| Max. Drehmoment | 112 Nm bei 6.800 min-1 | Bereifung | vorn: 120/70 ZR 17 hinten: 180/55 ZR 17 |
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| Starter | Elektrostarter | Federung | vorne: BMW Telelever mit 110mm Federweg hinten: BMW Paralever mit 120 mm Federweg |
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| Getriebe | 6 Gänge | Bremsen | vorne:320mm Doppelscheibenbremse hinten: 265mm Einscheibenbremse |
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| Trockengewicht | 190 kg | Zul. Gesamtgewicht | 410 kg |
Datum der letzten Änderung: 30.9.2006
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