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Charaktersache – Die Buell Ulysses XB12X

Das Raunen in der Fachpresse war groß, als Buell ein wenig überraschend letztes Jahr die Ulysses vorstellte.
Erstmalig präsentierte die amerikanische Edelschmiede ein Motorrad, das sich in der Klasse der Großenduros gegen die R1200GS und die KTM Adventure behaupten sollte. Eine Traumrouten-Testfahrt durch Slowenien kam da gerade recht.



Eines vorweg: Durch die, optisch extrem gelungene Platzierung des Auspuffs unter dem Motorrad, verbieten sich gröbere Enduropartien schon von selbst, unbefestigte Straßen sind jedoch auch für die speziell für die Ulysses hergestellten Dunlop Reifen kein Problem.

Der Antrieb
Der Motor meldet sich deutlich zu Wort, wer durch den seidenweichen Lauf eines, na sagen wir, Honda-Triebwerks, verwöhnt ist, bekommt hier wieder ziemlich deutlich mit, dass unter dem Sitz Explosionen in reicher Anzahl stattfinden. Also aufsitzen und losfahren.

Endlich ein Sound, den man sich von einem Motorrad erwartet, satt und bollernd schiebt der 1200ccm Motor an, reichlich Drehmoment von unten und nochmals ein Schub ab rund 5000 Umdrehungen. Hoch drehen lässt er sich hingegen nicht, bei knapp 6.700 wird kurz nach dem Erreichen der Maximalleistung von 101 PS abgeregelt. Die Gänge lassen sich allerdings schnell sortieren, verlangen aber, wie alles an diesem Motorrad ein wenig Nachdruck.
Die optisch gelungenen, sehr übersichtlich gestalteten Armaturen und das kleine Windschild sind am Lenker montiert, was in dieser Klasse einmalig ist. Dies lässt die Buell beim Fahren auch sehr kurz erscheinen, vergleicht man allerdings die absoluten Werte ist selbst eine R1200GS nur um ein paar Zentimeter länger.

Unkonventionell
Aber auch bei fast allen anderen Eckpunkten, die ein Motorrad ausmachen, haben die Buell-Ingenieure das Hirnschmalz rauchen lassen und präsentieren unkonventionelle aber durchaus praktikable Eigenheiten. Um Gewicht zu sparen und den Schwerpunkt des Motorrades auch möglichst weit nach unten zu bringen, wurde der Rahmen kurzerhand als Tanklager ausgelegt. Knappe 17 Liter Treibstoff rinnen in den Leichtmetallrahmen, 3 Liter Reserve inklusive. Auf Sloweniens Straßen kann man so nach 280 Kilometern mit dem letzten Tropfen Sprit zur Tankstelle rollen.

Das Fahrwerk ist straff abgestimmt, die Buell möchte aktiv bewegt werden und möchte wissen, wohin die Reise gehen soll. Etwaige Bremsmanöver sind tunlichst bereits vor den Kurven abzuschließen, in Kombination mit den Reifen ergibt sich beim Bremsen in Schräglage nämlich ein relativ großes Aufstellmoment.

Auch die Bremse ist anders
Auch bei der Vorderradbremse ist nichts so wie gewohnt, statt einer Doppelscheibenbremse wurde hier, ebenfalls aus Gewichtsgründen, nur eine Scheibe verbaut. Um jedoch trotzdem eine insgesamt packende Bremsleistung zu erzielen, wurde der Durchmesser der schwimmend gelagerten Scheibe auf 375mm erhöht und der Sechskolben-Festsattel an die Felgeninnenseite verlegt. Hinten sorgt eine „herkömmliche“ 240mm Scheibenbremse mit einem Einkolben-Schwimmsattel für etwaige weitere Verzögerungen.

Hokus Pokus, wo ist der Auspuff bloß
Der schon angesprochene, optisch praktisch nicht vorhandene Auspuff macht die Buell zu einem echten Hingucker. Wo andere ihren Auspuff groß und mächtig links oder rechts neben dem Motorrad platzieren, was in vielen Fällen leichte Anzeichen von Augenkrebs verursacht, verschwindet dieser selten wirklich hübsch aussehende Teil bei der Buell unter dem Motorrad und garantiert eine perfekt schlanke Heckansicht.

Schließlich musste auch der Endantrieb eine Besonderheit bieten, statt der üblichen O-Ring Kette platzierten die Buell Ingenieure einen wartungsarmen Zahnriemenantrieb, der in dieser Klasse einmalig ist. Durch den Schutz, der den Riemen nahezu komplett umläuft, ist dieser auch vor Verunreinigungen im Offroadbetrieb geschützt.

Der breite Sitz macht auch das Zurücklegen längerer Strecken äußerst entspannt möglich, schnelle Autobahnetappen setzen, vor allem bei größer gewachsenen Fahrern, verstärkte Nackenmuskeln voraus. Hier zollt man dem kleinen Windschild Tribut.

Am Heck schließlich gibt es noch eine kleine Spielerei. Hier wurde eine Klappe montiert (Buell nennt sie „Multifunktionsheck“), die je nach Einsatzzweck entweder als optische Sitzbankverkürzung, einer Rückenlehne für eine Sozia oder als kleine Gepäckablage verwendet werden kann. Wer, so wie wir, mit Topcase unterwegs ist, sollte tunlichst keine Sozia mithaben, leider kann man das Topcase nämlich mit der senkrecht aufstehenden Klappe nicht mehr öffnen, was bei jedem Zugriff auf den Inhalt das Weg- und wieder Aufklappen erforderlich macht.

Fazit
Mit der Ulysses hat Buell erstmalig ein Motorrad im großen Tourer- und Endurobereich platziert. Stehen die Tourereigenschaften absolut außer Frage, ist der Offroad-Einsatz nicht zuletzt wegen des tiefliegenden Auspuffs auf unbefestigte Straßen ohne gröbere Steinbrocken beschränkt. Die von uns auch in Slowenien befahrenen unbefestigten Wege wurden ohne irgendwelche Anzeichen von Schwäche tadellos bewältigt.
Auf der Straße ist sie den größer scheinenden Konkurrenten aus dem Hause BMW und KTM durchaus ebenbürtig, auch wenn sich der Fahrer mitunter in engen Winkelkombinationen ein wenig mehr anstrengen muss. Ein Fahrzeug mit Charakter ist die Buell auf alle Fälle, was auf dieser Rundfahrt alleine aufgrund der äusserst interessierten Blicke aller bewiesen wurde.

Wenn Wünsche ans Christkind erlaubt sind: ein ein wenig vergrößerter Einschlagwinkel hätte uns bei manchen Umdrehaktionen wegen der Irreführung des GPS in Slowenien das Reversieren erspart.

Motor luftgekühlter Viertakt-45° V Zweizylinder   Endantrieb wartungsfreier Zahnriemenantrieb
Bohrung x Hub 88,9 x 96,8   Abmessungen (LxBxH, in mm) 2.180 x 900 x 1.250
Hubraum 1.203 ccm   Radstand (in mm) 1.370
Verdichtung 10,0:1   Sitzhöhe (in mm) 841 mm
Gemischaufbereitung Fallstrom-Einspritzung DDFI II mit 49 Millimeter Saugrohrdurchmesser   Bodenfreiheit (in mm) k.A.
Max. Leistung 74,6 kW (101,4 PS) bei 6.600/min   Tankinhalt 16,7 Liter (im Rahmen)
Max. Drehmoment 110 Nm bei 6.000/min   Bereifung vorn: 120/70 ZR 17
hinten: 180/55 ZR 17
Starter Elektrostarter

  Radaufhängung vorne: voll einstellbare Showa Upside-Down Gabel
hinten:voll einstellbares Showa Zentralfederbein
Getriebe 5 Gänge   Bremsen vorne: 375 mm ZTL-Edelstahl Bremsscheibe, Sechskolben-Festsattel
hinten: 240mm Edelstahl Bremsscheibe, Einkolben-Schwimmsattel
      Leergewicht, fahrbereit 227 kg

Datum der letzten Änderung: 2.7.2006

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